Hilfe, ich erbe!
TEXT: ANDY HOCHSTRASSER; BILDER: ALEKSANDRA ZDRAVKOVIC
Die Nase vom Vater, den Humor von der Mutter, den Namen vom Grossvater, die Traditionen von den Vorfahrinnen und Vorfahren: Wir alle erben. Ein Erbe kann Segen oder Fluch sein, Privileg oder Last. Es kann ein Gefühl von tiefer Verbundenheit auslösen oder eine Sehnsucht, alte Zöpfe endlich abzuschneiden. Das Erbe einer Familie verbindet die Generationen.
Das Berner Generationenhaus richtet ab dem 16. November 2024 den Fokus auf das Thema und eröffnet die Ausstellung «Hilfe, ich erbe!». Das Publikum ist eingeladen, sich mit der eigenen Herkunft auseinanderzusetzen: Was macht mein Erbe mit mir? Und was mache ich mit meinem Erbe?
Michelle Huwiler
«Ich habe von meinem Grosi eine Freiämter-Sonntagstracht geerbt – sie passt mir wie angegossen, sogar die Grösse der Schuhe stimmt. Das Erbstück bereitet mir Freude: Ich bin Historikerin und an kulturellem Erbe interessiert. Es löst aber auch ein schlechtes Gewissen aus: Was soll ich damit? Ich teile das nationalkonservative Gedankengut meiner Grossmutter nicht und finde keine Gelegenheit, die Tracht zu tragen. Ausser im vergangenen Sommer: Nachdem die Tracht zehn Jahre lang unbenutzt im Schrank gehangen hatte, wagte ich es, sie anzuziehen und nach Zürich ans Trachtenfest zu gehen. Die Tracht zog viel Aufmerksamkeit auf sich, ich aber fühlte mich verkleidet.»
Michael Fässler
«Als mein Grossvater starb und wir seine Wohnung räumten, nahm ich einen Meter mit. Nicht weil dieser sonderlich wertvoll war, sondern weil er für den Perfektionismus steht, den mein Grossvater als Spengler pflegte und an meine Mutter weitergab. Diese Eigenschaft hat sie wiederum an mich weitervererbt. Für mich ist der Meter ein spezielles Andenken: Er erinnert mich bei kleinen Reparaturarbeiten in meiner Wohnung daran, dass ich in meinem Leben auch einmal den Fünfer gerade sein lassen möchte, anstatt immer nach der besten Lösung zu streben.»
Annika Zimmerli
«Von meiner 'Mormor' (schwedisch für 'Oma') habe ich eine wunderschöne Lederhandtasche und eine Schallplatte geerbt mit einem Live-Mitschnitt eines Konzerts von Johnny Cash. Die Dame von Welt trifft auf Rock 'n Roll – die Vielseitigkeit meiner Oma hat mich beeinflusst und inspiriert. Sie hat mir die Liebe zur Musik in die Wiege gelegt. Auch wenn sie in Schweden lebte und die Entfernung gross war, fühlte ich mich immer mit ihr verbunden. Ich denke auch heute, 15 Jahre nach ihrem Tod, noch an sie, wenn ich die Tasche trage oder mir die Musik anhöre.»
Anna Thalmann
«Opa hinterliess uns ein Witzebüechli, das passte: Wer ihn kannte, war mit seinen Sprüchen vertraut. Sonst eher ein wortkarger Mann, verpasste er keine Gelegenheit für einen Spass. Als ich noch ein Kind war, überraschte er uns Enkelinnen und Enkel regelmässig mit einer Clown-Nase. Als ich mir nach seinem Tod das Witzebüechli genauer anschaute, beeindruckte mich die feinsäuberliche Schrift. Mit den Witzen konnte ich aber, gelinde gesagt, nichts anfangen. Mein Humor ist ein anderer.»
Hilfe, ich erbe!
Was uns prägt und bewegt
Ausstellung, Veranstaltungen, Workshops
im Berner Generationenhaus
16. November 2024 bis 26. Oktober 2025
Weitere Informationen: www.begh.ch/erben