Nachts im Burgerspittel
TEXT: STEFANIE DIVIANI-PREISWERK; BILDER: LEA MOSER
Ein heller Mond leuchtet am Himmel und einzelne Sterne sind zu sehen, als Daniela Lopes im Burgerspittel ankommt. Dass sie ihren Arbeitsort erst zu später Stunde aufsucht, ist nichts Aussergewöhnliches. Daniela Lopes leitet das Pflegeteam Nachtwache und arbeitet regelmässig dann, wenn die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen schlafen.
Sicherheit für die Bewohnenden
Die 24-Stunden-Präsenz von Pflegenden bietet den Bewohnenden eine grosse Sicherheit. Rund um die Uhr können sie über den Pflegeruf Unterstützung anfordern und sich einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter anvertrauen. «Nachts können wir uns für die Bewohnenden mehr Zeit nehmen», berichtet Daniela Lopes. «Wir erleben deutlich weniger Ablenkung, das Telefon bleibt ruhig und wir können uns auf die jeweiligen Aufgaben fokussieren.» Weniger Unruhe und Ablenkung bedeuten bei weitem nicht Langeweile. Im Viererfeld sind nachts drei Personen für rund 160 Bewohnende verantwortlich, was in manchen Nächten heisst, ohne Pause durchzuarbeiten. Dass der Einsatz des Nachtwache-Teams sehr geschätzt wird, zeigt sich auch in der letztjährigen Bewohnenden-Befragung.
Keine Nacht gleicht der anderen
Um 22 Uhr beginnt die Nachtschicht. In der ersten Viertelstunde wird die Pflegefachperson über Geschehnisse des Tages oder der Abendstunden informiert. Daniela Lopes kann sich ein Bild über die aktuelle Situation machen und besser abschätzen, wer ihre Unterstützung in dieser Nacht vermutlich mehr benötigen wird. Die Bedürfnisse der Bewohnenden sind sehr unterschiedlich. Einige finden selten den Schlaf, wünschen sich ein Gespräch oder manchmal auch ein Medikament, damit sie zur Ruhe kommen. Andere spüren nachts Hunger oder brauchen Hilfe für den Toilettengang. Kleine Zwischenmahlzeiten können die Pflegenden vor Ort zubereiten – Joghurts, Snacks, Bouillons und Tee stehen immer zur Verfügung.
Nach einer ersten «Runde», in der die Pflegefachfrau durch alle Zimmer der ihr zugeteilten Abteilung geht, liest sie sich in die elektronische Pflegedokumentation ein. Auch nachts werden alle Vorkommnisse und die Medikamentenabgabe genau dokumentiert. Dieser stete Informationsfluss trägt zur Qualitätssicherung bei. Pro Nacht macht die Nachtwache mindestens drei Rundgänge durch alle Zimmer der Bewohnenden. Die Pflegenden analysieren den Zustand der Bewohnenden, achten auf die Lagerung oder die notwendige Flüssigkeitszufuhr und geben viel Zuwendung. Bewohnende, die im Viererfeld selbstständig in einer Wohnung leben, verzichten teilweise auf einen Besuch der Nachtwache oder wünschen diesen nur in Ausnahmesituationen. Jede Nacht ist unterschiedlich – mit viel Flexibilität, Fachwissen und Einfühlsamkeit reagiert das Team darauf.
In komplexen Situationen Ruhe bewahren
Daniela Lopes ist stolz auf ihr Team. Die Mitarbeitenden wählen oft bewusst eine Stelle als Nachtwache. «Das konzentrierte Arbeiten, die ohne Ablenkung geführten Gespräche, das selbstständige Entscheiden und Handeln sowie die grosse Dankbarkeit der Bewohnenden sind erfüllend und bereichernd», ergänzt die Teamleiterin. In komplexen Situationen, wenn die Betreuung palliativ wird oder bei einem Todesfall, kann eine Nachtschicht sehr herausfordernd sein. Eine gute Abstimmung untereinander sowie viel Berufserfahrung helfen, Ruhe zu bewahren, klare Entscheide zu treffen und die Aufgaben zu priorisieren.
Draussen dämmert der Morgen, die Korridore füllen sich mit lachenden und plaudernden Mitarbeitenden, die Betriebsamkeit im Burgerspittel nimmt zu. Um 6.45 Uhr finden auf den einzelnen Abteilungen die Rapportübergaben statt. Somit übernehmen andere Mitarbeitende die Verantwortung für die Bewohnenden und planen den Tagesablauf. Für Daniela Lopes und ihr Team endet die Arbeitsschicht um 7 Uhr. Es ist Zeit, nach Hause zu gehen und zu schlafen – bevor ihre Dienste während einer nächsten Nacht gefragt sind.